Die Sache mit dem sprechen


Sprechen, Zuhören, Gespräche führen. Verbindung spüren. Sprache, ob gesprochen oder geschrieben, ist das zentrale Kommunikationsmittel unserer Welt. Es schafft Freunde, Freude und Verbindung, vermittelt Wissen und hilft uns, Bedürfnisse mitzuteilen. In einem fremden Land, ohne Sprachkenntnisse sind wir sprachlos, orientierungslos, oft hilflos. Was steht auf den Schildern, was wurde zu mir gesagt, wieso schauen mich nur alle an? Unsicherheit, Hilflosigkeit, Einsamkeit. Das Gefühl des nicht verstanden Werdens. Solche Gefühle und Situationen sind Menschen mit aktiver Verbalsprache im Alltag eher fremd. Noch vor der Entwicklung der eigentlichen Sprache handeln und kommunizieren wir intuitiv. Wir lächeln, wenn wir angelächelt werden, greifen Hände die uns gereicht werden, zeigen auf Dinge die wir haben möchten. Wir handeln reziprok, also wechselseitig, ohne darüber nachzudenken.

 

Es gibt Behinderungsbilder, die diese Entwicklung erschweren. Beispielsweise zeigen Kinder im Autismusspektrum seltener soziales Lächeln oder handeln reziprok, also wechselseitig. Kinder mit komplexen Behinderungen zeigen motorisch bedingt wenig Mimik oder haben Schwierigkeiten zu zeigen und angebotene Gegenstände zu greifen. Gehörlose Kinder bekommen keine Rückmeldung über ihre eigene Lautsprache stellen das babbeln und lallen, auch als Reaktion auf Ansprache ein. Wechselseitigkeit, wozu Mimik, reziprokes Handeln und die Lallphase gehören sind jedoch wichtige Bausteine der Sprachentwicklung. Diese können durch eine Behinderung beeinflusst werden.

 

In Deutschland leben, nach den Zahlen des statistischen Bundesamtes 7,8 Millionen Menschen mit einer eingetragenen Schwerbehinderung, das sind 9,4% der deutschen Bevölkerung. Über 300.000 Menschen in Deutschland haben eine eingetragene Behinderung der Sprache und des Sprechens.

 

Hierbei werden die Menschen, welche aufgrund anderer Behinderungen, wie beispielsweise einer körperlichen Behinderung, nicht oder nicht verständlich sprechen können, nicht berücksichtigt. Dabei treten Sprachstörungen häufig als Begleiterscheinung auf, unabhängig davon, ob die Person körperlich, geistig oder seelisch als behindert eingestuft wurde.

 

Hier gilt es, andere Möglichkeiten der Kommunikation zu finden und diese so barrierearm wie möglich zu gestalten.

Wie entwickelt sich Sprache?

Viele Modelle berücksichtigen rein die Entwicklung des Wortschatzes und der Grammatik. Umweltfaktoren oder vorsprachliche Entwicklungen werden meist außen vor gelassen. Schließt man diese Faktoren mit ein, bekommt man einen ganzheitlichen Blick auf die Sprach- und Kommunikationsentwicklung. Sehr anschaulich zeigt dies das Modell des Sprachbaums nach Wolfgang Wendland.

Hier sieht man, dass die Grundlage der Sprache in sensorischen Reizen und deren Verarbeitung liegt. Jeder sonderpädagogische Schwerpunkt ist als eine Wurzel aufgeführt, folglich wird Sprache durch jede Form der Behinderung potentiell beeinflusst.

 

–    Hören: durch das Hören kann die Umwelt mit ihren Lauten wahrgenommen werden. Sprache kann vernommen und nachgeahmt werden. Kinder nehmen nicht nur Sprache von anderen wahr, sondern auch die eigene und beginnen, die Möglichkeiten der eigenen Stimme durch Kreischen und Quietschen zu entdecken. Laute der Umgebung geben gerade im Kindesalter Sprachanlässe, wie beispielsweise das Martinshorn, der bellende Hund oder fahrende Autos. Werden die Laute der Umgebung nicht durch Hören wahrgenommen oder kann das Gehörte im Gehirn nicht verarbeitet werden, werden die Hörreize nicht gespiegelt und die verbale Sprachentwicklung setzt nicht ein.

 

–    Hirnreifung/geistige Fähigkeiten: Reize, die über die Sinne wahrgenommen werden, müssen im Gehirn weiter verarbeitet werden. Geschieht dies nicht, kommt zwar ein Ton im Ohr an, jedoch kann dieser vom Gehirn nicht verknüpft und interpretiert werden. Dies kann alle Sinne betreffen. Ist also die Hirnentwicklung durch eine angeborene oder auch erworbene Behinderung verzögert oder fehlen bestimmte Teile des Gehirns bzw. sind beschädigt, kann die Sprache beeinflusst werden. Ist das Sprachzentrum im Hirn betroffen, wie es bei Schlaganfällen vorkommen kann, verschwindet auch bereits erworbene Sprache wieder. Jeder Bereich im Gehirn hat einen Einfluss auf die Sprache, manche mehr und manche weniger.

 

–    Sehen: Die oben genannten Hörreize werden häufig auch gesehen. Wir verbinden also das Gehörte mit einem weiteren Sinneskanal und verbessern so die Speicherung und Repräsentation im Hirn. Gerade bei Gehörtem kann es hilfreich sein, Mundbilder zu erkennen und diese imitieren zu können. Auch ohne den Hörreiz kann ein Kind visuell Mundbilder sehen und spiegeln. So übt es seine vorsprachlichen mundmotorischen Fähigkeiten. Fehlt das Sehen, sind die Motorik und die Bildung des Wortschatzgedächtnisses beeinflusst.

 

–    Bewegung/Motorik: Das Bilden von Lauten erfordert bestimmte mundmotorische Fähigkeiten, welche sich nacheinander ausbilden. Einfache Laute, wie die Vokale, gelingen zuerst, während das Bilden komplexer  Laute, wie ein /k/, länger dauert. Eine falsche Aussprache in der Zeit des Lauterwerbs ist gehört zur Sprachentwicklung dazu und ist völlig normal. Um diese motorischen Fähigkeiten zu erlangen, trainieren Kinder schon von Klein auf ihre vorsprachlichen Fähigkeiten. Dazu zählen das Saugen, Schlucken, Kauen und auch die Atmung. Sind vorsprachliche Fähigkeiten verlangsamt oder beeinträchtigt, kann dies die Entwicklung der Sprache hemmen und beeinflussen, was sich, defizitär ausgedrückt, durch folgende Symptomatiken zeigt:

 

▪ Störung der Nahrungsaufnahme

 

▪ stark eingeschränkter Wortschatz

 

▪ stark eingeschränktes Sprachverständnis

 

▪ stereotyper Gebrauch sehr weniger und häufig unverständlicher Lautgebilde

 

▪ verwaschene, undeutliche Aussprache

 

▪ Dysgrammatismus

 

▪ Schwierigkeiten der Pragmatik wie das Verstehen von Ironie, Sprechen und Zuhören im Wechsel, Interpretieren von nonverbalen Signalen, uvm.

 

Auch das Tasten und Zeigen ist teil der Motorik. Die Zeigegeste ist eine der ersten Kommunikationsmittel, welche Kinder nutzen. Sie zeigen auf Dinge, die benannt werden sollen oder die sie haben wollen. Diese Dinge werden beispielsweise von den Eltern benannt.  So wird ein großer Teil des passiven Wortschatzes erlernt und auch erlebt, sodass Kommunikation einen Sinn hat. „Ich zeige auf etwas und bekomme es. Ich schiebe etwas weg und muss nicht damit spielen.” Ebenso wichtig in der Motorik und der Sprachentwicklung sind Nicken und Kopfschütteln als frühe Repräsentanten für Ja und Nein. Man sieht also: Motorik hat einen großen Einfluss auf die Sprachentwicklung.

 

– Sozial-emotional: das soziale Lächeln ist ein Teil des Erwerbs der Kommunikation, indem Kinder die Reziprozität, also Wechselseitigkeit in der Kommunikation, erkennen. Auf ein Lächeln wird mit Lächeln geantwortet. Diese Wechselseitigkeit zieht sich durch jede Phase der Kommunikation, denn ohne ein Gegenüber, welches meine Kommunikationsintention aufnimmt und interpretiert, kann Kommunikation nicht erfolgreich sein. Je öfter eine Kommunikationsintention nicht wahrgenommen und beantwortet wird, desto besser ist die Sprachentwicklung. Je weniger eine Kommunikationsintention nicht wahrgenommen und beantwortet wird, desto eher stagniert die Sprachentwicklung. Es gibt Menschen, die Emotionen wie Lächeln nicht erkennen oder interpretieren können. Es gibt auch Menschen die nicht Zeigen, keinen Blickkontakt halten und die Wechselseitigkeit der frühen Kommunikation nicht erlernen.

 

Für all diese Bereiche der frühen Sprachentwicklung ist ein Gegenüber notwendig, wie schon die Reziprozität zeigt. Doch ein Gegenüber an sich reicht für eine gelungene Sprachentwicklung nicht aus. Die Gießkanne des Modells zeigt, dass Blickkontakt von Nöten ist, Sprachanlässe sollten geschaffen und das Gesprochene, Gezeigte und Gelallte sollte aufgegriffen werden. Je mehr positive Verstärkung Kinder in der Sprache erhalten, desto besser.

Kommunikation mit Behinderung:

 

Kommunikation ist ein menschliches Grundbedürfnis, wir streben nach Zugehörigkeit und dem Gefühl des Verstanden werdens. Eben dieses muss auch Menschen mit Behinderung ermöglicht werden.

 

Kommunikation kann allerdings ohne Sprache erfolgen, was häufig im Alltag geschieht, nur sind wir uns darüber oft nicht bewusst. Ein Lächeln, die Arme verschränken, die Schultern hängen lassen, winken, gezieltes wegschauen, rot werden, unruhig sein. Mimik, Blickkontakt und Körperhaltung. All das sind nonverbale Signale, welche kommunikativ interpretiert werden können. Sie zeigen entweder unseren Willen der Kommunikation (winken), unsere Freude (lächeln) oder unser aktuelles Befinden (rot werden, unruhig sein, Schultern hängen lassen,…). Gerade einander vertraute Personen kommunizieren häufig nonverbal über Blicke und Berührungen.  Gestik unterstützt unsere Sprache, sie kann diese untermalen, Gesprochenes abblocken und Emotionen widerspiegeln. Gestik kann es sprachbeeinträchtigten Personen erleichtern, die Sprache zu verstehen und kann gleichzeitig auch einfache Sprache ersetzen. Über Babygebärden können Kinder, welche die Lautsprache noch nicht erworben haben, ihre Bedürfnisse ausdrücken.  Gestik kann weiterentwickelt werden und als Gebärdensystem komplexe Sprache untermalen und ersetzen. Man kennt diese Form der Kommunikation von gehörlosen Menschen. Gebärden wurden aber auch in abgewandelter und teils vereinfachter Form für Menschen mit komplexen Behinderungen entwickelt, so können Schlagwörter als Gebärden aneinandergereiht werden und ohne grammatische Formalien als einfache Sprache dienen. Schau doch mein Hände an und die GuK Gebärden sind Beispiele hierfür.

 

Gestik kann jedoch für Menschen mit komplexen körperlichen Behinderungen ebenso schwer zu erwerben, sein wie Sprache. Was dann?

 

Bildgestützte Kommunikation wird häufig im Bereich der körperlichen und geistigen Behinderung genutzt und kann in seiner Komplexität an jeden Entwicklungsstand angepasst werden.

 

Bilder von Gegenständen oder Handlungen werden hier dargeboten und ein Blick oder eine Geste darauf wird als Kommunikation wahrgenommen. Funktioniert diese Reaktion auf Bilder, wird für jede Situation im Alltag eine Auswahl an Bildern geschaffen mit Hilfe derer die Person kommunizieren kann. Um sich auch mit Anderen verständigen zu können wird langsam vom Bild weg hin zum Symbol oder Piktogramm gegangen. Hier gibt es einheitliche Systeme welche man ausdrucken kann (PECS, Boardmaker, Metacom), damit auch andere Personen, Schulen und Einrichtungen die dargestellten Symbole erkennen.

 

Um neben dem visuellen auch einen auditiven Kanal anzubieten, gibt es Geräte, in welche die Bilder gelegt werden und mit einer passenden Tonspur versehen werden können. So kann die kommunizierende Person das Bild antippen und es ertönt die passende Lautsprache. Auch diese Geräte gibt es in verschiedenen Stufen der Komplexität. Von nur einem Bild hin zu 32 Bildern.

 

Jede Situation, wie beispielsweise das Frühstück, wird so mit den passenden Bildern (Essensauswahl) versehen und die benutzende Person kann kommunizieren, was sie möchte.  Diese Art der Kommunikation kommt natürlich an Grenzen, da keine Grammatik vorhanden ist und für jede Situation die Bilder vorbereitet sein müssen. Ebenso lassen die Geräte nur zwischen 4 und 8 Situationen auf dem Speicher zu, neue Situationen können also nicht ohne weiteres aufgenommen werden.

 

Digitale Kommunikationsgeräte lösen dieses Problem. Sie haben als App Sprachprogramme (z.B. GoTalk, Metatalk,..) und lassen eine unbegrenzte Auswahl an Bildern zu, welche automatisch von Computerprogrammen ausgesprochen werden. Hier lässt sich die Komplexität erweitern und die Sprache von Bildern mit Einwortsätzen durch Hinzufügen grammatische Strukturen bis hin zu komplexer Sprache ausweiten. Diese Art der Kommunikation gibt auch Menschen mit Wahrnehmungsproblematiken und Problemen der Reizverarbeitung Kanäle, um zu kommunizieren. So können beispielsweise Menschen im Autismusspektrum oder mit seelischen Behinderungen Formen der Kommunikation finden, welche ihnen möglich sind.

 

Damit die Geräte auch barrierefrei angesteuert werden können, gibt es unzählige Möglichkeiten, diese zu bedienen. Von Tippen über Tasten und Augensteuerung bis hin zu speziell auf die kommunizierende Person angepasste Methoden wie der Ansteuerung durch einen einzigen Muskel in der Wange, wie es Stephen Hawking tat.

 

Kommunikation ist vielseitig, Kommunikation ist individuell, genauso sollte sie betrachtet, gelernt und gelehrt werden, um jeden daran teilhaben zu lassen.

 

Wendet euch an die jeweiligen Beratungsstellen und Fachstellen für Unterstützte Kommunikation falls ihr Hilfe benötigt.

 

 

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